Lebenserwartung in Westeuropa: Warum sich die Unterschiede wieder vergrößern

Ein Blick zurück: Das „goldene Zeitalter“ der steigenden Lebenserwartung
Zwischen den frühen 1990er-Jahren und etwa 2005 gab es in Westeuropa eine beeindruckende Entwicklung:
Die Lebenserwartung stieg fast überall deutlich an. Männer gewannen im Durchschnitt jedes Jahr etwa dreieinhalb Monate hinzu, Frauen etwa zweieinhalb Monate.Diese Phase wird von Forschenden als eine Art „goldenes Zeitalter“ bezeichnet.
Besonders bemerkenswert: Regionen, die zuvor deutlich zurücklagen, konnten aufholen. Die Unterschiede zwischen wohlhabenderen und benachteiligten Gebieten wurden kleiner. Die Gründe dafür sind vielfältig, aber gut nachvollziehbar:
- bessere medizinische Versorgung, vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Fortschritte in Diagnostik und Therapie
- steigender Lebensstandard und bessere soziale Bedingungen
Gerade in Ostdeutschland war dieser Aufholprozess nach der Wiedervereinigung besonders ausgeprägt.
Seit 2005: Der Fortschritt verlangsamt sich
Doch etwa ab dem Jahr 2005 änderte sich die Entwicklung. Die Lebenserwartung steigt zwar weiterhin, aber deutlich langsamer:
- Männer gewinnen im Schnitt nur noch etwa zwei Monate pro Jahr
- Frauen sogar nur noch rund einen Monat
Gleichzeitig öffnet sich die Schere zwischen den Regionen wieder. Während einige Gebiete weiterhin Fortschritte machen, bleiben andere zurück – oder fallen sogar weiter zurück.
Diese Entwicklung wird von Fachleuten als besonders problematisch angesehen, weil sie zeigt, dass gesundheitliche Chancen zunehmend ungleich verteilt sind.
Besonders betroffen: Menschen zwischen 55 und 74 Jahren
Ein zentraler Grund für diese Entwicklung liegt in einer Altersgruppe, die oft weniger im Fokus steht: den 55- bis 74-Jährigen.
In vielen Regionen stagniert hier die Sterblichkeit – oder sie steigt sogar wieder an. Das ist besonders besorgniserregend, denn:
- viele Menschen in diesem Alter stehen noch mitten im Berufsleben
- gesundheitliche Probleme wirken sich direkt auf Lebensqualität und soziale Teilhabe aus
Die Ursachen sind komplex. Eine wichtige Rolle spielen:
- chronische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Leiden
- Krebserkrankungen
- Folgen von Rauchen oder anderen gesundheits-schädlichen Gewohnheiten
Deutschland im Vergleich: Kein Spitzenplatz
Auch in Deutschland zeigt sich dieses gemischte Bild.
Zwar haben sich die Unterschiede zwischen Ost und West nach der Wiedervereinigung zunächst deutlich verringert. Doch seit Mitte der 2000er-Jahre verlangsamt sich der Fortschritt auch hier.
Auffällig ist:
- Einige Regionen in Ostdeutschland gehören weiterhin zu den Gebieten mit niedrigerer Lebenserwartung
- Gleichzeitig zeigen auch Teile Nord- und Westdeutschlands ungünstige Entwicklungen
Besonders betroffen sind Männer in strukturschwächeren Regionen. Hier spielen langfristige soziale Faktoren eine wichtige Rolle, etwa:
- Arbeitslosigkeit
- wirtschaftliche Unsicherheit
- ungesündere Lebensweisen
Bei Frauen zeigt sich ein anderer Trend: In manchen Regionen ist die Lebenserwartung durch die Folgen des Rauchens beeinträchtigt. Da Frauen in Deutschland später mit dem Rauchen begonnen haben als in anderen Ländern, treten die gesundheitlichen Folgen auch zeitlich verzögert auf.
Im westeuropäischen Vergleich fällt Deutschland insgesamt zurück: Keine deutsche Region gehört zu den Top 10 % mit der höchsten Lebenserwartung.
Wo leben die Menschen am längsten?
Trotz der insgesamt verlangsamten Entwicklung gibt es weiterhin Regionen mit besonders hoher Lebenserwartung. Dazu zählen vor allem:
- Teile Spaniens
- Norditalien
- die Schweiz
Dort steigen die Lebenserwartungen teilweise weiterhin um etwa drei Monate pro Jahr – ähnlich wie im früheren „goldenen Zeitalter“.
Diese Regionen zeigen: Fortschritte sind weiterhin möglich.
Gibt es eine natürliche Grenze der Lebensdauer?
Eine spannende Frage ist, ob wir irgendwann an eine biologische Grenze stoßen – also ob die menschliche Lebensdauer ein „Maximum“ hat.
Die Forschenden geben hier eine klare Antwort:
Ein solches Limit ist bislang nicht erkennbar.
Im Gegenteil: In der Vergangenheit wurden immer wieder vermeintliche Höchstgrenzen vorhergesagt – und später überschritten. Das spricht dafür, dass auch künftig weitere Verbesserungen möglich sind.
Was kann getan werden?
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich: Es reicht nicht, nur die durchschnittliche Lebenserwartung zu betrachten. Entscheidend ist, wie gerecht Gesundheit verteilt ist.
Wichtige Ansatzpunkte sind:
- gezielte Prävention, insbesondere für die Altersgruppe 55+
- bessere Versorgung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Demenz
- Maßnahmen gegen gesundheitsschädliches Verhalten wie Rauchen
- Verbesserung sozialer und wirtschaftlicher Lebensbedingungen
Vor allem regionale Unterschiede sollten stärker berücksichtigt werden. Denn wo Menschen leben, hat einen großen Einfluss auf ihre Gesundheit und Lebenserwartung.
Fazit
Die Menschen in Westeuropa werden zwar weiterhin älter – aber nicht mehr überall gleichermaßen. Während einige Regionen große Fortschritte machen, bleiben andere zurück.
Die gute Nachricht: Es gibt noch viel Potenzial, die Lebenserwartung weiter zu steigern.
Die Herausforderung besteht darin, diese Fortschritte allen Menschen zugänglich zu machen – unabhängig davon, wo sie leben.

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