Wenn Antibiotika versagen: Können Viren künftig Bakterien bekämpfen?

Eine fast vergessene Therapie könnte im Kampf gegen resistente Keime eine neue Chance bekommen
Antibiotika retten Leben – doch sie verlieren zunehmend an Wirkung. Immer mehr Bakterien entwickeln Resistenzen und werden gegen bisher wirksame Medikamente unempfindlich. Besonders problematisch wird es, wenn Infektionen trotz mehrerer Antibiotikabehandlungen nicht beherrscht werden können.
Die Suche nach neuen Waffen gegen resistente Keime läuft deshalb weltweit auf Hochtouren. Ein Ansatz, der derzeit eine bemerkenswerte Renaissance erlebt, klingt zunächst ungewöhnlich: Viren sollen Bakterien bekämpfen.
Die natürlichen Feinde der Bakterien
Dabei handelt es sich um sogenannte Bakteriophagen, kurz Phagen. Das sind Viren, die ausschließlich Bakterien befallen. Sie können menschliche Zellen nicht infizieren.
Ein passender Phage dockt an ein Bakterium an, dringt in dieses ein und vermehrt sich dort. Am Ende wird die Bakterienzelle zerstört – und die neu entstandenen Phagen können weitere Bakterien angreifen.
Die Idee ist keineswegs neu. Bereits vor mehr als 100 Jahren wurden Phagen als mögliche Therapie gegen Infektionen entdeckt. Mit dem Siegeszug der Antibiotika geriet die Methode jedoch weitgehend in Vergessenheit. Erst die weltweite Zunahme antibiotikaresistenter Erreger hat das Interesse an dieser Therapie wieder geweckt.
Ein wichtiger Schritt aus Frankreich
Jetzt ist ein bedeutender Fortschritt gelungen: Eine öffentliche Klinik in Frankreich darf erstmals therapeutische Phagen unter streng kontrollierten pharmazeutischen Bedingungen herstellen.
Das ist mehr als ein formaler Verwaltungsakt. Bisher war die Phagentherapie überwiegend auf wenige Spezialzentren und individuelle Heilversuche beschränkt. Die standardisierte Herstellung könnte nun den Weg für größere klinische Studien und eine breitere medizinische Anwendung ebnen.
Wenn Antibiotika keine Chance mehr haben
Bislang wurden Phagen vor allem bei Patienten eingesetzt, bei denen alle anderen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft waren.
Ein besonders eindrucksvoller Fall betraf eine schwere chronische Infektion eines künstlichen Kniegelenks. Jahrelange Antibiotikatherapien hatten keinen Erfolg gehabt, eine Amputation stand bereits im Raum. Nach einer gezielten Behandlung mit Bakteriophagen konnte der Patient wieder selbstständig gehen.
Seit 2017 wurden an dem französischen Zentrum rund 100 Patienten mit Phagen behandelt – meist Menschen mit besonders komplizierten und anders nicht mehr behandelbaren Infektionen. Solche Erfahrungen machen Hoffnung, ersetzen aber noch keine großen wissenschaftlichen Studien.
Präzision statt Breitbandtherapie
Ein möglicher Vorteil der Phagen liegt in ihrer enormen Zielgenauigkeit.
Viele Antibiotika greifen eine größere Gruppe von Bakterien an. Dabei können auch nützliche Bakterien, beispielsweise der Darmflora, geschädigt werden.
Phagen dagegen sind Spezialisten: Sie greifen nur ganz bestimmte Bakterien an. Vor einer Behandlung muss deshalb zunächst untersucht werden, welcher Phage gegen den jeweiligen Erreger wirksam ist – vergleichbar mit einem Antibiogramm.
Diese individuelle Auswahl ist derzeit allerdings noch aufwendig und nur in spezialisierten Laboren möglich.
Auch für Herz- und Gefäßpatienten interessant
Besonders spannend könnte die Entwicklung bei Infektionen sein, die sich auf künstlichen Materialien festsetzen. Dazu gehören beispielsweise Gefäßprothesen. Solche Infektionen sind oft ausgesprochen schwierig zu behandeln.
Die derzeit entwickelten therapeutischen Phagen richten sich zunächst gegen einen häufigen Problemkeim, der unter anderem schwere Knochen-, Gelenk-, Lungen- und Gefäßinfektionen verursachen kann. Klinische Studien zur Behandlung von Infektionen an Gefäßprothesen sind bereits in Vorbereitung.
Große Hoffnung – aber noch viele offene Fragen
Die bisherigen Erfahrungen sind ermutigend. Schwere Nebenwirkungen wurden bei den bisher behandelten Patienten nicht berichtet. Dennoch steht die Phagentherapie in Europa noch am Anfang.
Es fehlen bislang große, kontrollierte Studien, die eindeutig beantworten können, bei welchen Patienten und bei welchen Infektionen die Behandlung tatsächlich wirksam ist.
Phagen werden Antibiotika daher in absehbarer Zeit nicht ersetzen. Sie könnten aber zu einer wichtigen zusätzlichen Waffe werden – insbesondere dann, wenn resistente Bakterien auf herkömmliche Medikamente nicht mehr reagieren.
Die Antibiotikaresistenz gehört zu den großen medizinischen Herausforderungen unserer Zeit. Dass nun wieder verstärkt auf die natürlichen Feinde der Bakterien gesetzt wird, zeigt: Manchmal liegen neue Lösungen in Ideen, die die Medizin schon vor langer Zeit entdeckt – und dann wieder vergessen hat.

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