Das Herz von Frauen schlägt nicht „anders“, aber es wird oft anders krank

Warum Frauen- und Männerherzen nicht gleich krank werden
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache in Deutschland – bei Frauen und bei Männern. Trotzdem wurde Herzmedizin lange vor allem an Männern erforscht. Viele Studien schlossen Frauen gar nicht oder nur in kleiner Zahl ein.
Heute wissen wir:
Frauen und Männer unterscheiden sich nicht nur äußerlich. Auch Hormone, Stoffwechsel, Gefäße und das Immunsystem arbeiten unterschiedlich. Diese Unterschiede beeinflussen:
- Wie sich Krankheiten entwickeln
- Welche Symptome auftreten
- Wie gut Medikamente wirken
- Wie hoch das Risiko für Nebenwirkungen ist
Wenn diese Unterschiede nicht beachtet werden, kann es zu Fehldiagnosen oder falschen Behandlungen kommen.
Das Herz von Frauen: Oft anders krank
1. Andere Symptome beim Herzinfarkt
Viele Menschen denken beim Herzinfarkt an starke Brustschmerzen mit Ausstrahlung in den linken Arm. Dieses „klassische“ Bild wurde vor allem bei Männern beschrieben.
Frauen zeigen oft andere Beschwerden, zum Beispiel:
- Luftnot
- Übelkeit oder Erbrechen
- Schmerzen im Oberbauch
- Rückenschmerzen
- starke Müdigkeit
- Druck- oder Engegefühl statt stechendem Schmerz
Diese Beschwerden werden manchmal als „Stress“, „Magenproblem“ oder „Psyche“ fehlgedeutet. Dadurch verlieren betroffene Frauen wertvolle Zeit.
Wichtig: Auch bei untypischen Symptomen sollte immer an das Herz gedacht werden – besonders bei bekannten Risikofaktoren.
2. Erkrankungen der kleinen Herzgefäße
Das Problem:
In der normalen Herzkatheter-Untersuchung sehen die großen Gefäße oft unauffällig aus. Die Beschwerden bleiben jedoch bestehen.
Betroffene berichten über:
- wiederkehrende Brustschmerzen
- Belastungsintoleranz
- schnelle Erschöpfung
Manche erhalten erst nach vielen Arztkontakten die richtige Diagnose.
Hier zeigt sich deutlich: Wenn wir nur nach dem „typischen Männerbild“ suchen, übersehen wir Erkrankungen bei Frauen.
3. Hormone verändern das Risiko
- Vor den Wechseljahren schützt das Hormon Östrogen die Gefäße.
- In der Zeit um die Menopause verschlechtert sich bei vielen Frauen das Risikoprofil: Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin steigen häufiger an.
- Die Gefäße altern in dieser Phase schneller.
Männer erleben ebenfalls hormonelle Veränderungen im Alter. Auch diese können das Herz-Kreislauf-System beeinflussen – allerdings anders als bei Frauen.
Medikamente wirken nicht bei allen gleich
Frauen und Männer unterscheiden sich in:
- Körperfettanteil
- Wasseranteil im Körper
- Enzymaktivität in der Leber
- Hormonspiegel
- Das beeinflusst:
- Aufnahme eines Medikaments
- Verteilung im Körper
- Abbaugeschwindigkeit
Ein Beispiel aus der Herzmedizin:
Bestimmte Medikamente können bei Frauen häufiger Herzrhythmusstörungen auslösen.
Trotzdem basieren Dosierungsempfehlungen oft auf Studien mit überwiegend männlichen Teilnehmern.
Herzschrittmacher und andere Therapien
Untersuchungen zeigen:
Frauen profitieren häufig besonders von bestimmten Herztherapien, zum Beispiel von speziellen Herzschrittmachern.
Dennoch erhalten sie diese Geräte seltener als Männer.
Das wirft wichtige Fragen auf:
- Werden Frauen später überwiesen?
- Werden ihre Beschwerden weniger ernst genommen?
- Gibt es Vorurteile bei der Einschätzung des Risikos?
- Geschlechtersensible Medizin bedeutet auch, solche strukturellen Unterschiede zu erkennen und zu verändern.
Mehr als nur Biologie
Geschlecht ist nicht nur eine Frage der Hormone. Auch soziale Faktoren spielen eine Rolle:
- Frauen übernehmen häufiger Pflege- und Familienarbeit.
- Sie stellen eigene Gesundheit manchmal hinten an.
- Symptome werden anders beschrieben und bewertet.
Gleichzeitig gelten Herzprobleme bei Männern oft als „typisch“, bei Frauen eher als „ungewöhnlich“.
Diese Denkmuster können die Versorgung beeinflussen.
Neue Herausforderungen: Referenzwerte und Künstliche Intelligenz
Viele Laborwerte wurden ursprünglich mit Daten überwiegend männlicher Patienten festgelegt.
Wenn Referenzbereiche nicht angepasst sind, können Auffälligkeiten bei Frauen übersehen werden.
Auch moderne Systeme zur Früherkennung – zum Beispiel bei schweren Infektionen oder Herzproblemen – werden mit vorhandenen Daten trainiert. Wenn diese Daten Frauen unterrepräsentieren, funktionieren solche Systeme bei ihnen schlechter.
--> Das zeigt:
Geschlechtersensible Medizin ist kein „Spezialthema“, sondern betrifft die gesamte Versorgung.
Was bedeutet das für Patientinnen und Patienten?
Für Frauen:
- Nehmen Sie Herzsymptome ernst – auch wenn sie untypisch erscheinen.
- Sprechen Sie offen über Beschwerden.
- Fragen Sie nach, wenn Sie unsicher sind.
Für Männer:
- Auch Männer haben individuelle Risiken.
- Hormonveränderungen im Alter können ebenfalls Auswirkungen haben.
- Vorsorgeuntersuchungen bleiben wichtig.
Was muss sich ändern?
Damit Herzmedizin gerechter und genauer wird, braucht es:
- Mehr Studien mit ausreichender Beteiligung von Frauen
- Getrennte Auswertungen nach Geschlecht
- Angepasste Leitlinien
- Schulung in Aus- und Weiterbildung
- Bewusstsein für unterschiedliche Symptome
Geschlechtersensible Medizin ist ein Schritt hin zu echter personalisierter Medizin.
Denn gute Herzmedizin bedeutet:
Nicht alle gleich behandeln – sondern jede und jeden passend.
Fazit
Das Herz von Frauen schlägt nicht „anders“, aber es wird oft anders krank.
Wer Unterschiede ignoriert, riskiert Fehlbehandlungen.
Wer sie berücksichtigt, verbessert Diagnose, Therapie und Überlebenschancen.
Eine moderne Kardiologie muss deshalb geschlechtersensibel denken – zum Wohle aller.
(Internationaler Frauentag am 8.März 2026)

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