Herzschutz durch Sport: Wer profitiert besonders?

Alle Jahre wieder nehmen sich auch hierzulande viele Menschen vor, mehr Sport zu treiben. Doch tatsächlich schafft es nur etwas mehr als die Hälfte aller Deutschen, sich ausreichend zu bewegen. Und: Unter Frauen ist der Anteil derjenigen mit zu geringer körperlicher Aktivität höher als unter Männern. Welche Folgen dieser „Gender Gap“ hat, war bislang allerdings nur unzureichend untersucht. Eine jüngst im Fachmagazin Nature Cardiovascular Research veröffentlichte Studie hat nun für mehr Klarheit gesorgt.
Daten der UK Biobank ausgewertet
Für ihre Analyse nutzten die Forschenden die Daten der UK Biobank, einer Datenbank mit den Gesundheitsinformationen von mehr als 500.000 Personen im Alter von 37 bis 73 Jahren aus England, Schottland und Wales. Ihr Ziel war es herauszufinden, wie sich bei beiden Geschlechtern die Einhaltung des von amerikanischen, europäischen und internationalen Leitlinien empfohlenen Pensums von 150 Minuten moderater bis intensiver körperlicher Aktivität auf das Risiko auswirkte, eine koronare Herzkrankheit (KHK) zu entwickeln bzw. daran zu versterben.
Bemerkenswert an der Analyse ist nicht nur die große Zahl der Teilnehmenden (80.243 Personen ohne KHK sowie 5.169 Personen mit KHK), sondern auch, dass die körperliche Aktivität nicht subjektiv, sondern objektiv anhand von am Handgelenk getragenen Beschleunigungsmessern erhoben wurde.
Stärkere Risikoreduktion bei Frauen
Das mittlere Alter betrug bei den Personen ohne KHK 62 Jahre, 57,3 % waren weiblich. Sowohl Männer als auch Frauen ohne vorbestehende KHK konnten durch die Einhaltung der Leitlinienempfehlungen zu körperlicher Aktivität ihr KHK-Risiko signifikant reduzieren. Und es zeigte sich, dass Frauen stärker davon profitierten: Bei den adhärenten (= therapietreuen) Frauen war das KHK-Risiko um 22 % geringer als bei den nicht-adhärenten Frauen; bei den Männern führte die Adhärenz (Therapietreue) dagegen „nur“ zu einer Risikoreduktion um 17 %.
Ein noch deutlicheres Bild ergab sich für die Sterblichkeit bei Personen mit vorbestehender KHK (mittleres Alter: 67 Jahre, 30,0 % weiblich): Durch Umsetzung der Leitlinien für Herzsport sank bei Frauen das Sterblichkeitsrisiko um 70 %, bei Männern dagegen lediglich um 19 %.
Frauen mit KHK: Schon 51 min Sport pro Woche senken die Sterblichkeit um 30 %
Sowohl bei Männern als auch bei Frauen zeigte sich eine dosisabhängige Assoziation zwischen MVPA (mäßige bis intensive körperliche Aktivität) und KHK-Inzidenz (bei Personen ohne KHK) bzw. Mortalität (bei Personen mit KHK). Und auch hier gab es wieder geschlechtsspezifische Unterschiede:
- Personen ohne KHK: Um das KHK-Risiko um 30 % zu reduzieren, mussten Männer 530 min pro Woche körperlich aktiv sein, bei Frauen reichten dagegen schon 250 min pro Woche. Im Vergleich zu Frauen mussten Männer also etwa doppelt so lange trainieren, um ihr KHK-Risiko im gleichen Ausmaß zu senken.
- Personen mit KHK: Um die Mortalität um 30 % zu senken, mussten Männer 85 min pro Woche körperlich aktiv sein, bei Frauen genügten hingegen schon 51 min pro Woche.
Eine Dosisabhängigkeit ergab sich auch zwischen der Anzahl der Tage mit Adhärenz zu den Leitlinienempfehlungen und der KHK-Inzidenz bzw. der Mortalität. Für jeden zusätzlichen Tag, an dem die Teilnehmenden die Empfehlungen zu körperlicher Aktivität befolgten, sanken sowohl das KHK-Risiko als auch die Sterblichkeit bei Frauen stärker als bei Männern (KHK-Risiko: 6 % vs. 4 %; Mortalität: 15 % vs. 8 %).
Limitationen der Studie
Bei der Interpretation der Ergebnisse gilt es, einige Limitationen zu berücksichtigen. Hierzu zählt, dass die Teilnehmenden nicht repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung sind, da sie zum Beispiel einen gesünderen Lebensstil pflegten und eher in sozioökonomisch privilegierten Gegenden wohnten. Zudem war die Zahl der Personen mit KHK ebenso wie die Zahl der Todesfälle in dieser Gruppe recht gering, daher sind die Mortalitätsergebnisse weniger robust als diejenigen zur KHK-Inzidenz in der Gruppe ohne vorbestehende KHK.
Fazit für die Praxis
In dieser Auswertung von Daten der UK Biobank hatten Frauen, die sich an die Empfehlungen zu mittlerer bis intensiver körperlicher Aktivität hielten, ein um 22 % geringeres Risiko, eine KHK zu entwickeln, als diejenigen, die sich nicht daran hielten.
Bei adhärenten Männern war das KHK-Risiko im Vergleich zu den nicht-adhärenten um 17 % reduziert. Bemerkenswert ist, dass Frauen bereits mit 250 min mittlerer bis intensiver körperlicher Aktivität pro Woche eine Senkung des KHK-Risikos um 30 % erreichten, während Männer 530 min pro Woche benötigten, um einen vergleichbaren Nutzen zu erzielen.
Und auch bei den Personen mit manifester KHK zeigte sich bei Frauen eine stärkere Senkung des Sterblichkeitsrisikos durch körperliche Aktivität als bei Männern.

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