20. Januar 2026

Kann man Demenz vorhersagen – und aufhalten?

Demenz ist das Damokles-Schwert des älteren Menschen. Die Entwicklung therapeutischer Maßnahmen setzt voraus, daß man sehr frühzeitig Risiko-behaftete Individuen identifiziert und behandelt. Das Problem der Behandlungsbeurteilung: ein Erfolg ist es, wenn nichts eintritt.
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Viele Menschen fragen sich: „Kann man schon früh erkennen, ob ich später Demenz bekomme?“
Die Antwort lautet: Ja – teilweise. Heute wissen wir, dass es viele messbare Veränderungen im Körper und im Gehirn gibt, die Jahre bis Jahrzehnte vor den ersten Gedächtnisproblemen auftreten. Diese Veränderungen nennt man Risikomarker oder biologische Frühwarnzeichen.

Wenn wir solche Marker kennen, können Ärztinnen und Forscher:

  • Menschen mit erhöhtem Risiko rechtzeitig identifizieren
  • Medikamente oder Lebensstilmaßnahmen testen, bevor das Gehirn Schaden nimmt
  • Die Entwicklung von Demenz im Idealfall verlangsamen oder verhindern

Im Folgenden finden Sie die wichtigsten Gruppen solcher Marker – und warum sie eine große Chance für die Medizin darstellen.

  1. Gehirnveränderungen, die man im MRT sieht

Moderne Bildgebung zeigt, dass das Gehirn lange vor Symptomen schrumpfen kann – besonders in Regionen, die für das Gedächtnis wichtig sind (z. B. der Hippocampus).

Wichtige Hinweise im MRT können sein:

  • Verkleinerung bestimmter Hirnareale
  • Störungen der weißen Substanz (= Leitungsbahnen zwischen Hirnregionen)
  • Mikroinfarkte, also kleinste Durchblutungsstörungen

Diese Veränderungen sind nicht immer gleichbedeutend mit Demenz, aber sie treten häufig schon 10–20 Jahre vorher auf.

  1. Eiweißablagerungen im Gehirn (Amyloid und Tau)

Bei Alzheimer, der häufigsten Demenzform, lagern sich bestimmte Eiweiße im Gehirn ab:

  • Amyloid-β – bildet Plaques zwischen Nervenzellen
  • Tau – verklumpt innerhalb der Nervenzellen

Diese Stoffe kann man heute im Nervenwasser (Liquor) nachweisen oder mit speziellen PET-Scans sichtbar machen.

Sie gelten als die frühesten messbaren Veränderungen, oft schon Jahrzehnte vor Gedächtnisproblemen.

  1. Blutmarker – die neue Hoffnung

Früher brauchte man aufwändige Untersuchungen wie Liquorpunktionen. Heute gibt es immer bessere Bluttests, die ähnliche Informationen liefern.

Dazu gehören:

  • Amyloid-β-Verhältnis
  • Phosphoryliertes Tau (p-Tau)
  • Neurofilament light chain (NfL) – zeigt Nervenzellschäden an

Bluttests könnten in Zukunft eine einfache Früherkennung beim Hausarzt ermöglichen.

  1. Entzündung und Gefäßgesundheit

Viele Studien zeigen: Chronische Entzündung beschleunigt Gehirnalterung.

Messbar sind z. B.:

  • Erhöhte Entzündungsmarker im Blut
  • Ein schlechter Gefäßstatus (hoher Blutdruck, Diabetes, Cholesterin)
  • Schlafstörungen, die Entzündungen antreiben und die Abfallbeseitigung des Gehirns stören

Tatsächlich wird ein großer Teil der Demenzen durch vaskuläre Faktoren mit verursacht – also durch Gefäßschäden, ähnlich wie bei Herzinfarkt.

  1. Verhalten und Lebensstil – mehr Einfluss als gedacht

Auch ohne teure Medizin gibt es messbare Hinweise im Alltag:

  • Abnehmende geistige Aktivität (weniger Lesen, Lernen, soziale Kontakte)
  • Geringere körperliche Aktivität
  • Ungesunde Ernährung (hoher Zucker-, Fett- oder Alkoholanteil)
  • Schlafqualität – zu wenig oder fragmentierter Schlaf erhöht das Risiko

Diese Faktoren sind wichtig, weil sie veränderbar sind. Studien zeigen, dass ein gesunder Lebensstil das Demenzrisiko um bis zu 40 % senken kann.

Warum diese Marker wichtig für Studien sind

Um neue Medikamente oder Therapien zu testen, muss man Menschen finden, die ein Risiko haben, aber noch keine Demenz. Denn wenn bereits viele Nervenzellen zerstört sind, wirken Behandlungen oft zu spät.

Risikomarker ermöglichen:

✔ Früherkennung – bevor Symptome auftreten

✔ Auswahl geeigneter Studienteilnehmer

✔ Messbare Ergebnisse (z. B. Schrumpft der Hippocampus langsamer?)

Damit wird es erstmals möglich, präventive Studien durchzuführen – also Therapien zu testen, bevor Schaden entsteht.

Was bedeutet das für Sie persönlich?

Die Forschung entwickelt sich rasant. Schon jetzt können Sie selbst viel tun:

Schützen Sie Ihre Blutgefäße:
→ Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin kontrollieren

Bewegen Sie sich regelmäßig:
→ schon 30 Minuten pro Tag haben messbare Effekte

Fordern Sie Ihr Gehirn heraus:
→ Lernen, Lesen, soziale Kontakte, Musizieren

Achten Sie auf Schlaf und Ernährung:
→ Mediterrane Kost und 7–8 Stunden Schlaf schützen auch das Gehirn

Und: Bleiben Sie informiert.
Neue Bluttests und Therapien werden in den nächsten Jahren in die Praxis kommen.

Fazit

Demenz entsteht nicht plötzlich – sie kündigt sich lange vorher durch Veränderungen im Gehirn und im Körper an.

Indem wir diese Warnzeichen erkennen, können wir:

  • Risikopersonen rechtzeitig identifizieren
  • Medikamente und Lebensstilmaßnahmen früher testen
  • Und vielleicht zum ersten Mal verhindern, dass eine Demenz überhaupt ausbricht

Die Forschung befindet sich an einem historischen Wendepunkt.
Was heute noch Früherkennung ist, könnte morgen schon Prävention sein.