Game-Changer im Lipidmanagement? Orale PCSK9-Hemmer senkt LDL-Cholesterin vergleichbar stark wie injizierbare Wirkstoffe

Viele Menschen mit erhöhtem Cholesterin kennen das Problem: Trotz Statinen und anderer Medikamente bleiben die LDL-Werte zu hoch. Das ist gefährlich, denn LDL („schlechtes Cholesterin“) lagert sich an den Gefäßwänden ab und erhöht das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich. In den vergangenen Jahren wurden sogenannte PCSK9-Hemmer entwickelt, die das LDL besonders stark senken können. Diese Medikamente mussten jedoch bisher unter die Haut gespritzt werden. Viele Patienten scheuen diese Behandlung – und deshalb werden solche Wirkstoffe trotz ihrer Wirksamkeit noch immer selten eingesetzt.
Nun gibt es erstmals eine Alternative in Tablettenform: Enlicitid, ein einmal täglich einzunehmender PCSK9-Hemmer. Die große CORALREEF-LIPIDS-Studie hat gezeigt, dass diese Tablette genauso gut wirkt wie die bisherigen Spritzenpräparate. Das macht das Medikament zu einer möglichen neuen Option für alle, die ihre Cholesterinwerte nicht ausreichend kontrollieren können oder eine Spritzentherapie ablehnen.
In der Studie wurden insgesamt 2.912 Menschen mit sehr hohem Herz-Kreislauf-Risiko untersucht. Viele von ihnen hatten bereits einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten, andere litten an Diabetes oder vergleichbaren Risikofaktoren. Entscheidend war, dass ihre LDL-Werte trotz optimaler Behandlung immer noch zu hoch waren. Die Teilnehmer erhielten zusätzlich zu ihrer bisherigen Therapie entweder Enlicitid als Tablette oder ein Placebo.
Das Ergebnis war beeindruckend: Nach 24 Wochen sank das LDL-Cholesterin bei den Patienten, die Enlicitid erhielten, um durchschnittlich 57 Prozent. In der Placebogruppe veränderte sich der Wert dagegen kaum, er stieg sogar leicht an. Auch nach einem Jahr blieb die Wirkung stabil – das LDL war immer noch um rund 50 Prozent gesenkt. Besonders bemerkenswert ist, dass mehr als zwei Drittel der Patienten mit Enlicitid ihr Cholesterinziel von unter 55 mg/dl erreichten. In der Placebogruppe gelang dies nur etwa einem Prozent der Teilnehmenden.
Neben dem LDL-Cholesterin verbesserten sich auch andere wichtige Blutfette deutlich, einschließlich Apolipoprotein B und Lipoprotein(a). Letzteres ist ein Wert, der das Herzinfarktrisiko zusätzlich erhöht und bisher nur schwer zu beeinflussen war. Damit zeigt sich, dass Enlicitid nicht nur das LDL, sondern das gesamte Risikoprofil verbessern kann.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Verträglichkeit. Enlicitid zeigte in der Studie kein auffälliges Nebenwirkungsprofil. Die Häufigkeit von Nebenwirkungen lag nahezu gleichauf mit der Placebogruppe, ebenso die Zahl der Therapieabbrüche. Das bedeutet: Die Tablette war nicht nur wirksam, sondern auch gut verträglich.
Im Vergleich zu den bekannten PCSK9-Spritzen wirkt Enlicitid in etwa gleich stark. Die Unterschiede zwischen den Präparaten lagen bei weniger als drei Prozent. Gegenüber neuen Behandlungsformen wie Inclisiran, einer RNA-basierten Therapie, schnitt Enlicitid sogar etwa zehn Prozent besser ab. Wenn sich diese Ergebnisse langfristig bestätigen, könnte Enlicitid das bestehende Therapiespektrum sinnvoll erweitern.
Trotz aller positiven Ergebnisse bleibt noch eine Frage offen: Verhindert Enlicitid langfristig Herzinfarkte und Schlaganfälle? Um darauf eine sichere Antwort zu geben, benötigt man mehrjährige Studien mit sogenannten „harten Endpunkten“. Genau diese Untersuchungen sind bereits geplant oder laufen bereits. Experten sind jedoch optimistisch, denn alle PCSK9-Hemmer, die bisher solche Daten lieferten, haben nachweislich das Herzinfarktrisiko gesenkt.
Für Patientinnen und Patienten ergibt sich daraus ein wichtiger Ausblick: Wenn Enlicitid zugelassen wird, könnte es einfacher werden, gefährlich hohe Cholesterinwerte zuverlässig zu senken – ohne Spritzen, sondern mit einer täglichen Tablette. Das könnte insbesondere Menschen helfen, die Statine nicht vertragen oder trotz Therapie hohe LDL-Werte behalten. Es könnte aber auch die Hemmschwelle senken, überhaupt eine wirksame Cholesterintherapie zu beginnen.
Zusammengefasst: Enlicitid eröffnet eine neue Perspektive im Umgang mit erhöhtem LDL-Cholesterin. Die Tablette wirkt stark, scheint gut verträglich zu sein und könnte den Weg ebnen zu einer alltagstauglichen Therapie, die Herzinfarkte und Schlaganfälle verhindern hilft. Ob sie dieses Versprechen dauerhaft einlöst, werden die kommenden Jahre zeigen – doch der wissenschaftliche Start ist vielversprechend

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