19. Februar 2026

„Zieh Dir was an, sonst erkältest Du Dich!“ – Macht die Kälte wirklich krank?

Kälte allein löst keine Erkältung aus, kann aber die Anfälligkeit erhöhen. Kaltes, trockenes Wetter begünstigt die Virusverbreitung, da Schleimhäute austrocknen und die Abwehr geschwächt wird. Zudem verbringen Menschen im Winter mehr Zeit in geschlossenen Räumen, was die Ansteckungsgefahr erhöht.
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Kaum ein Satz ist in den Herbst- und Wintermonaten so oft zu hören wie dieser gut gemeinte Rat. Seit Generationen gilt Kälte als Hauptverursacher von Schnupfen, Husten und Halsweh. Doch stimmt das wirklich? Kann kalte Luft eine Erkältung auslösen – oder verwechseln wir Ursache und Wirkung?

Ein Blick auf Virologie, Epidemiologie und moderne Immunforschung zeigt: Kälte allein macht nicht krank. Aber sie kann Viren dabei helfen, uns erfolgreicher zu infizieren.

Was ist eine Erkältung eigentlich?

Die akute Nasopharyngitis, im Alltag schlicht „Erkältung“ oder „grippaler Infekt“ genannt, ist eine akute, meist harmlose Entzündung der Nasen- und Rachenschleimhaut. Typische Beschwerden sind:

  • laufende oder verstopfte Nase
  • Niesen
  • Halsschmerzen
  • Heiserkeit
  • leichtes Krankheitsgefühl

Fieber oder starke Allgemeinsymptome treten meist nicht auf – im Gegensatz zur echten Influenza.

Die wichtigsten Erreger sind Rhinoviren, daneben auch saisonale Coronaviren, Adenoviren, Parainfluenzaviren, RSV und weitere. Entscheidend ist: Ohne Virus keine Erkältung.

Weder kalte Temperaturen noch Zugluft können von sich aus eine Erkältung auslösen. Sie sind kein Erreger. Was sie aber können: die Bedingungen für eine Infektion verändern.

Kälte als Risikofaktor – nicht als Ursache

Schon vor Jahrzehnten wurde der Volksglaube wissenschaftlich überprüft. In einer bekannten Studie untersuchten Forschende um David Eccles, ob Kälteexposition bei gesunden Freiwilligen häufiger zu Atemwegsinfekten führt. Das Ergebnis war ernüchternd für den Mythos: Allein durch Kälte bekam niemand häufiger eine Erkältung – solange keine Viren im Spiel waren.

Auch spätere Studien bestätigten dieses Resultat. Die Schlussfolgerung ist klar: Kälte ersetzt keinen Erreger.

Aber warum steigen die Erkältungszahlen dann jedes Jahr im Winter so deutlich an?

Der wichtigste Treiber ist unser Verhalten

Der stärkste Einflussfaktor ist erstaunlich banal: der Mensch selbst.

Wenn es draußen kalt wird, verlagert sich unser Leben nach innen. Wir:

  • verbringen mehr Zeit in geschlossenen Räumen
  • sitzen enger zusammen
  • lüften seltener
  • nutzen häufiger öffentliche Verkehrsmittel

Aus epidemiologischer Sicht ist das entscheidend. Erkältungsviren werden vor allem über Tröpfchen, Aerosole sowie Hände und Oberflächen übertragen. Schlechter Luftaustausch und viele enge Kontakte erhöhen die Ansteckungswahrscheinlichkeit erheblich.

Mit anderen Worten: Der Winter macht nicht krank, weil er kalt ist – sondern weil wir uns anders verhalten.

Trockene Luft schwächt die Schleimhaut

Kalte Außenluft enthält wenig Feuchtigkeit. In beheizten Innenräumen wird die Luft zusätzlich trocken. Genau hier kommt ein wichtiger biologischer Mechanismus ins Spiel.

Die Nasenschleimhaut ist Teil eines hochentwickelten Abwehrsystems:

  • Sie filtert Partikel aus der Atemluft
  • Flimmerhärchen transportieren Erreger nach außen
  • antimikrobielle Substanzen wirken direkt gegen Viren

Sinkt die Luftfeuchtigkeit, trocknet die Schleimhaut aus. Die Flimmerhärchen arbeiten schlechter, und die lokale Abwehr verliert an Effektivität. Gleichzeitig zeigen Laborstudien, dass viele Atemwegsviren in kalter, trockener Umgebung stabiler sind und in Aerosolen länger infektiös bleiben.

Das Ergebnis: Die Übertragung wird wahrscheinlicher – nicht wegen der Kälte selbst, sondern wegen der veränderten Umweltbedingungen.

Was Kälte mit unserem Immunsystem macht

Besonders spannend sind Erkenntnisse aus der modernen Immunforschung. Studien konnten zeigen, dass sich Rhinoviren bei niedrigeren Temperaturen in den oberen Atemwegen besser vermehren.

Gleichzeitig arbeitet bei höheren Temperaturen die Interferonantwort – ein zentraler Bestandteil der angeborenen antiviralen Abwehr – effektiver. Interferone sind frühe Botenstoffe, die Virusvermehrung hemmen und benachbarte Zellen warnen.

Neuere Arbeiten zeigen zudem, dass Schleimhautzellen bei Viruskontakt winzige Vesikel freisetzen, die antivirale Proteine und mikroRNA enthalten – eine Art biologisches Frühwarnsystem. Kühlt die Schleimhaut ab, funktioniert auch dieser Schutzmechanismus schlechter.

Wichtig ist jedoch: Es gibt keine belastbare Evidenz, dass Kälte bei gesunden Menschen eine relevante systemische Immunsuppression verursacht. Der Effekt ist lokal, kurzfristig und vor allem auf die Nasenschleimhaut begrenzt.

Kardiologische Perspektive: Warum Erkältungen fürs Herz relevant sind

Gerade in der Kardiologie ist der grippale Infekt mehr als eine Bagatelle. Für Menschen mit koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Klappenvitien oder Rhythmusstörungen können banale Atemwegsinfekte klinisch relevant sein.

Infektionen führen zu einer systemischen Entzündungsreaktion, erhöhen die Herzfrequenz, steigern den Sauerstoffbedarf des Myokards und können eine endotheliale Dysfunktion begünstigen. Studien zeigen, dass akute Atemwegsinfekte das Risiko für Myokardinfarkte, Dekompensationen der Herzinsuffizienz und Vorhofflimmernvorübergehend erhöhen.

Besonders im Winter addieren sich mehrere Belastungsfaktoren:

  • kalte Temperaturen mit peripherer Vasokonstriktion und Blutdruckanstieg
  • geringere körperliche Aktivität
  • höhere Infektlast durch Innenraumkontakte

Für kardiologische Patientinnen und Patienten bedeutet das: Die Erkältung ist nicht das eigentliche Problem – ihre systemischen Folgen können es sein. Prävention von Atemwegsinfekten ist damit indirekt auch Herzschutz.

Fazit: Ein Mythos mit wahrem Kern

Der grippale Infekt ist eine Virusinfektion der oberen Atemwege. Dafür braucht es zwingend eine Exposition gegenüber Erregern. Kälte allein macht nicht krank.

Sie kann jedoch indirekt wirken:

  • durch Austrocknung der Schleimhäute
  • durch Beeinträchtigung der lokalen Nasenabwehr
  • durch höhere Stabilität von Viren in kalter, trockener Luft
  • und vor allem durch verändertes menschliches Verhalten im Winter

Der Mythos von der Erkältung hat also einen wahren Kern – aber eine falsche Kausalität. Kälte ist nicht der Täter. Sie ist eher der Komplize.

Was schützt wirklich vor Erkältungen – und damit auch das Herz?

Falsche Vorstellungen sind nicht harmlos. Wer glaubt, Erkältungen entstünden primär durch Frieren, setzt auf den falschen Schutz. Warme Kleidung ist sinnvoll – aber nicht ausreichend.

Gerade für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind wirksam:

  • regelmäßiges Stoßlüften auch im Winter
  • gute Händehygiene
  • Abstand zu symptomatischen Personen
  • ausreichende Luftfeuchtigkeit in Wohn- und Aufenthaltsräumen
  • situationsabhängig Mund-Nasen-Schutz in Innenräumen
  • konsequente Impfprävention (z. B. Influenza, COVID-19, RSV nach Leitlinie)

Oder kurz gesagt: Nicht die Kälte meiden – sondern die Viren. Und damit auch unnötige kardiale Belastungen.