Bedeutung der Genetik für die Lebenserwartung unterschätzt

Neue Erkenntnisse – und was sie für Herz und Gefäße bedeuten
Wie alt ein Mensch wird, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören:
- unsere Gene
- unser Lebensstil
- unsere Umwelt
- die medizinische Versorgung
Lange Zeit ging die Forschung davon aus, dass Gene etwa 20 bis 25 Prozent der Unterschiede in der Lebensdauer erklären.
Eine neue große Analyse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Science, kommt nun zu einem anderen Ergebnis:
Genetische Faktoren könnten rund 50 Prozent der Unterschiede im Sterbealter erklären.
Das wäre etwa doppelt so viel wie bisher angenommen.
Warum frühere Schätzungen wahrscheinlich zu niedrig waren
Frühere Studien stützten sich vor allem auf historische Zwillingsregister aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Damals:
- waren Infektionskrankheiten sehr häufig
- gab es mehr tödliche Unfälle
- war die medizinische Versorgung deutlich schlechter
Viele Menschen starben also an sogenannten äußeren (extrinsischen) Todesursachen, zum Beispiel durch:
- Unfälle
- Gewalt
- schwere Infektionen
Diese Todesursachen hängen meist nicht direkt mit dem natürlichen Alterungsprozess zusammen.
Wenn solche äußeren Ursachen häufig sind, „überdecken“ sie statistisch den Einfluss der Gene. Dadurch erscheint der genetische Anteil geringer, als er tatsächlich ist.
Was die neue Studie anders gemacht hat
Die Forschenden nutzten Daten aus:
- drei großen skandinavischen Zwillingsstudien
- einer US-amerikanischen Gruppe von Geschwistern sehr alter Menschen (Hundertjähriger)
Besonders aussagekräftig war eine schwedische Zwillingsstudie, in der sogar Zwillinge untersucht wurden, die getrennt aufgewachsen sind. Solche Daten helfen besonders gut, genetische von Umwelt-Einflüssen zu trennen.
Zwei Arten von Todesursachen
Die Wissenschaftler unterschieden in ihren Modellen zwischen:
Intrinsischer Mortalität
--> Todesursachen durch biologische Alterungsprozesse (z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, altersbedingte Erkrankungen)
Extrinsischer Mortalität
--> Todesursachen durch äußere Einflüsse (z. B. Unfälle, Gewalt, Infektionen)
Wurden die extrinsischen Todesursachen statistisch herausgerechnet, verdoppelte sich der geschätzte genetische Einfluss nahezu.
Das Ergebnis war in allen untersuchten Gruppen ähnlich – bei Männern und Frauen gleichermaßen.
Bedeutung für die Herzmedizin
Für die Kardiologie ist diese Frage besonders wichtig. Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören zu den häufigsten Todesursachen im höheren Alter.
Wenn Gene stärker zur sogenannten intrinsischen Mortalität beitragen als bisher gedacht, bedeutet das:
- Das genetische Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall könnte größer sein als angenommen.
- Die individuelle Alterung von Herz und Gefäßen könnte stärker erblich geprägt sein.
- Eine familiäre Häufung von Herzkrankheiten sollte besonders ernst genommen werden.
Eine sorgfältige Familienanamnese gewinnt damit weiter an Bedeutung.
Gibt es auch Kritik?
Einige Fachleute weisen darauf hin, dass die extrinsische Mortalität insgesamt eher gering erscheine.
Die Frage lautet daher:
Kann das Herausrechnen dieser äußeren Todesursachen wirklich einen so großen Unterschied machen?
Zudem wird diskutiert, ob sogenannte epigenetische Effekte – also Veränderungen in der Genaktivität durch Umweltfaktoren – ebenfalls eine Rolle spielen könnten. Diese könnten sowohl biologische Alterungsprozesse als auch Erkrankungen beeinflussen.
Bestätigung durch reale Daten
Wichtig ist:
Die Ergebnisse beruhen nicht nur auf mathematischen Modellen.
In der schwedischen Zwillingsstudie zeigte sich:
- Mit sinkender extrinsischer Mortalität über die Geburtsjahrgänge
- stieg die geschätzte genetische Vererbbarkeit der Lebensspanne
Und zwar ganz ohne zusätzliche rechnerische Korrekturen.
Auch in der US-amerikanischen Gruppe von Geschwistern sehr alter Menschen ergaben sich vergleichbare Werte.
Das spricht dafür, dass die Ergebnisse nicht auf Skandinavien beschränkt sind.
Wichtige Einordnung: Was „50 % Vererblichkeit“ NICHT bedeutet
Hier ist ein häufiger Irrtum:
50 % Vererblichkeit bedeutet nicht, dass Ihre Lebensdauer zu 50 % festgelegt ist.
Vererblichkeit ist eine statistische Größe, die sich auf ganze Bevölkerungen bezieht – nicht auf einzelne Menschen.
Für die einzelne Person gilt weiterhin:
- Lebensstil
- Ernährung
- Bewegung
- soziale Einbindung
- medizinische Vorsorge
spielen eine zentrale Rolle.
Gene sind wichtig – aber nicht unser Schicksal
Wir können unsere Gene nicht verändern.
Aber wir können beeinflussen:
unseren Blutdruck
unsere Blutfettwerte
unser Körpergewicht
unsere körperliche Aktivität
unseren Umgang mit Stress
unseren Rauch- und Alkoholkonsum
Gerade für Herz und Gefäße macht das einen großen Unterschied.
Was bedeutet das für die Zukunft?
Die Studie zeigt vor allem eines:
Der genetische Einfluss auf die biologische Alterung könnte stärker sein als bisher gedacht.
Das könnte langfristig helfen:
- Risikopersonen früher zu erkennen
- personalisierte Prävention zu verbessern
- Therapien individueller zu gestalten
Doch gleichzeitig bleibt klar:
Gesellschaftliche Bedingungen, medizinische Versorgung und individuelles Verhalten haben weiterhin großen Einfluss auf unsere Gesundheit.
Zusammenfassung für unsere Leserinnen und Leser
-
Neue Analysen legen nahe: Gene erklären etwa 50 % der Unterschiede in der Lebensdauer.
-
Frühere Schätzungen lagen bei 20–25 %.
-
Äußere Todesursachen wie Unfälle können den genetischen Einfluss statistisch überdecken.
-
Die Ergebnisse wurden in mehreren unabhängigen Gruppen bestätigt.
-
Für die Herzmedizin bedeutet das: familiäre Risiken ernst nehmen.
-
Dennoch bleibt ein gesunder Lebensstil entscheidend.
Fazit für die kardiologische Praxis
Unsere Lebensspanne entsteht aus einem Zusammenspiel von Genen und Umwelt.
Die Gene könnten wichtiger sein als lange gedacht –
aber sie bestimmen nicht allein unser Schicksal.
Für Herz und Gefäße gilt weiterhin:
Vorbeugen lohnt sich – in jedem Alter !

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