15. Mai 2026

Warum das Herz des Grönlandhais trotz Alterung jahrhundertelang schlägt

Der Grönlandhai gilt als das langlebigste bekannte Wirbeltier der Erde. Forschende schätzen, dass manche Tiere bis zu 400 Jahre oder sogar älter werden können. Damit lebt dieser Hai deutlich länger als fast alle anderen bekannten Tiere mit Wirbelsäule. Besonders erstaunlich ist dabei, dass er erst sehr spät erwachsen wird: Erst mit ungefähr 150 Jahren erreicht er die Geschlechtsreife. Wie erreicht er dieses Alter?
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Ein außergewöhnliches Tier mit einem erstaunlich langen Leben

Der Grönlandhai lebt in den kalten Gewässern des Nordatlantiks und wächst extrem langsam. Er bewegt sich wenig und besitzt einen sehr niedrigen Stoffwechsel. Das bedeutet: Sein Körper arbeitet insgesamt sehr sparsam. Genau diese Eigenschaften machen ihn für die Forschung besonders spannend. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen verstehen, warum dieser Hai so alt werden kann – und ob sich daraus Erkenntnisse für gesundes Altern beim Menschen gewinnen lassen.

Eine neue Studie hat nun das Herz des Grönlandhais genauer untersucht. Dabei ging es um eine wichtige Frage: Bleibt das Herz dieses Tieres über Jahrhunderte hinweg jung und gesund – oder altert es ebenfalls, kann aber trotzdem weiter funktionieren?

Das Herz altert – genau wie bei anderen Lebewesen

Viele Menschen verbinden ein langes Leben automatisch mit einem „langsamen“ oder kaum vorhandenen Altern. Doch die Forschung zeigt nun ein überraschendes Bild: Auch das Herz des Grönlandhais altert deutlich.

In den untersuchten Herzproben fanden sich mehrere typische Zeichen des Alterns, wie sie auch bei Menschen und anderen Tieren auftreten. So zeigte das Herz vermehrte sogenannte Fibrose. Dabei wird normales Herzmuskelgewebe zunehmend durch Bindegewebe ersetzt. Das kann das Gewebe steifer machen und die Herzfunktion beeinträchtigen.

Außerdem fanden die Forschenden größere Mengen eines Stoffes namens Lipofuszin. Dieses sogenannte „Alterspigment“ sammelt sich im Laufe des Lebens in Zellen an, wenn Abfallstoffe nicht vollständig abgebaut werden. Lipofuszin gilt seit langem als typisches Merkmal alternder Zellen.

Auch die „Kraftwerke“ der Zellen, die sogenannten Mitochondrien, zeigten Anzeichen von Schäden. Gleichzeitig waren Zellbestandteile verändert, die normalerweise für die Entsorgung und Wiederverwertung von Zellmaterial zuständig sind. Zusätzlich fanden sich Hinweise auf sogenannten oxidativen Stress. Dabei entstehen aggressive Moleküle, die Zellbestandteile schädigen können.

Kurz gesagt: Das Herz des Grönlandhais sieht auf molekularer Ebene erstaunlich alt aus.

Warum der Hai trotzdem gesund bleibt

Hier liegt die eigentliche Überraschung der Studie: Obwohl das Herz deutliche Alterungszeichen zeigt, scheint der Hai trotzdem gut damit leben zu können.

Die untersuchten Tiere waren lebendig, bewegten sich und schwammen trotz der starken Veränderungen im Herzgewebe. Das erstaunt die Forschenden besonders. Denn vergleichbare Schäden würden bei Menschen wahrscheinlich zu schweren Herzproblemen führen und könnten mit dem Leben kaum vereinbar sein.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Grönlandhai nicht vor Alterung geschützt ist. Sein Körper altert tatsächlich. Entscheidend ist aber offenbar etwas anderes: Er kann die Folgen des Alterns außergewöhnlich gut ausgleichen.

Man könnte sagen: Der Hai wird nicht deshalb so alt, weil nichts kaputtgeht – sondern weil sein Körper erstaunlich gut mit Schäden umgehen kann.

Eine besondere Widerstandskraft der Zellen

Bereits frühere Untersuchungen am Erbgut des Grönlandhais hatten Hinweise auf besondere Schutzmechanismen geliefert. Offenbar besitzt das Tier sehr gut entwickelte Systeme, um Schäden an der DNA – also am Erbgut – zu reparieren.

DNA-Schäden entstehen bei jedem Lebewesen im Laufe des Lebens. Normalerweise sammeln sich diese Schäden langsam an und können dazu beitragen, dass Zellen schlechter funktionieren oder Krankheiten entstehen. Beim Grönlandhai scheint dieser Prozess jedoch besonders gut kontrolliert zu werden.

In seinem Erbgut fanden Forschende Hinweise auf Gene, die mit Zellschutz, Entzündungshemmung und Reparaturmechanismen zusammenhängen. Manche dieser Gene liegen offenbar sogar mehrfach vor. Das könnte bedeuten, dass der Hai Schäden schneller erkennt und besser reparieren kann.

Dadurch bleiben lebenswichtige Körperfunktionen offenbar sehr lange stabil – selbst wenn sich im Laufe der Jahrhunderte Alterungsspuren ansammeln.

Was Menschen daraus lernen könnten

Die Ergebnisse dieser Forschung könnten langfristig auch für die Medizin wichtig werden. Denn sie werfen eine spannende Frage auf: Vielleicht ist gesundes Altern weniger davon abhängig, Schäden komplett zu verhindern – sondern vielmehr davon, wie gut der Körper mit ihnen umgehen kann.

Viele altersbedingte Erkrankungen, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, entstehen dadurch, dass Zellen und Organe Schäden nicht mehr ausreichend ausgleichen können. Wenn Forschende besser verstehen, wie der Grönlandhai seine Widerstandskraft über Jahrhunderte erhält, könnten daraus neue Ansätze entstehen, um auch beim Menschen gesundes Altern zu fördern.

Natürlich liegen praktische Anwendungen noch in weiter Ferne. Niemand wird dadurch plötzlich mehrere hundert Jahre alt werden. Doch die Erkenntnisse könnten helfen, Alterungsprozesse besser zu verstehen und Wege zu finden, Herz und Körper länger gesund zu halten.

Fazit

Die neue Untersuchung zeigt ein überraschendes Bild des Grönlandhais: Sein Herz altert durchaus – und zwar deutlich sichtbar. Trotzdem bleibt das Tier über sehr lange Zeit lebensfähig.

Das Geheimnis seiner außergewöhnlichen Lebensdauer scheint daher nicht darin zu liegen, das Altern zu vermeiden. Vielmehr besitzt der Grönlandhai offenbar eine bemerkenswerte biologische Widerstandskraft. Sein Körper kann Schäden über lange Zeit ausgleichen und wichtige Funktionen erhalten.

Gerade diese Fähigkeit könnte für die Altersforschung besonders wertvoll sein. Denn sie eröffnet eine neue Sichtweise auf gesundes Altern: Nicht ein vollkommen „jung bleibender“ Körper ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, trotz Veränderungen lange funktionsfähig zu bleiben.

Bildnachweis: iStock-1056448676