6. Juli 2026

Werner Forßmann – ein riskantes Experiment verändert die Medizin

Heute gehört der Herzkatheter zu den wichtigsten Untersuchungen in der Kardiologie. Er hilft Ärztinnen und Ärzten, verengte Herzkranzgefäße zu erkennen, Druckverhältnisse im Herzen zu messen und lebensrettende Eingriffe durchzuführen. Doch der Weg dorthin war alles andere als selbstverständlich – und begann mit einem außergewöhnlich mutigen Selbstversuch.
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Ende der 1920er Jahre galt das Herz als „unantastbar“. Direkte Eingriffe erschienen zu gefährlich, und die diagnostischen Möglichkeiten waren stark eingeschränkt. In dieser Zeit arbeitete ein junger deutscher Arzt namens Werner Forßmann in einem Krankenhaus in Eberswalde bei Berlin

Er hatte eine revolutionäre Idee: Einen dünnen Schlauch – einen Katheter – durch eine Vene bis ins Herz vorzuschieben. Damit könnten Medikamente gezielt verabreicht oder Untersuchungen direkt im Herzen durchgeführt werden.

Der Selbstversuch – Wissenschaft mit persönlichem Risiko

Seine Vorgesetzten hielten diese Idee für zu riskant. Doch Forßmann ließ sich nicht aufhalten. In einem nächtlichen Experiment wagte er 1929 das Undenkbare: Er führte sich selbst einen Katheter über eine Vene im Arm bis in sein Herz ein.

Anschließend ging er – mit dem Schlauch im Körper – zur Röntgenabteilung, um zu beweisen, dass der Katheter tatsächlich im Herzen angekommen war. Das Bild bestätigte seine Theorie: Die Katheterspitze lag im rechten Vorhof.

Aus heutiger Sicht klingt das fast unglaublich. Doch genau dieser mutige Schritt legte den Grundstein für eine völlig neue medizinische Methode.

Ablehnung statt Anerkennung

Man könnte erwarten, dass Forßmann für diese bahnbrechende Leistung gefeiert wurde. Doch das Gegenteil war der Fall. Viele Kolleginnen und Kollegen reagierten empört und hielten sein Vorgehen für unverantwortlich. Seine Arbeit wurde kaum beachtet, und seine Idee fand zunächst keine breite Unterstützung.

Enttäuscht wandte sich Forßmann von der Kardiologie ab und arbeitete fortan als Urologe.

Der Durchbruch – Jahre später

Erst Jahre später griffen andere Forscher seine Idee wieder auf. Besonders die Ärzte André Frédéric Cournand und Dickinson Woodruff Richards entwickelten die Methode weiter und machten sie zu einem sicheren und zuverlässigen Diagnoseverfahren.

Gemeinsam gelang ihnen der Durchbruch: Der Herzkatheter wurde zu einem zentralen Werkzeug der modernen Medizin.

1956 erhielt Forßmann schließlich doch noch die verdiente Anerkennung: Zusammen mit Cournand und Richards wurde er mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet.

Warum der Herzkatheter so wichtig ist

Der Herzkatheter ist heute aus der Kardiologie nicht mehr wegzudenken. Dabei wird ein dünner, flexibler Schlauch über ein Blutgefäß – meist in der Leiste oder am Handgelenk – bis zum Herzen geführt.

Mit dieser Methode können Ärztinnen und Ärzte:

  • Verengte Herzkranzgefäße sichtbar machen
  • den Blutfluss im Herzen beurteilen
  • Druckverhältnisse messen
  • Herzklappen untersuchen
  • bei Bedarf sofort behandeln (z. B. durch Aufdehnen von Gefäßen)

Viele Eingriffe, die früher eine große Operation erforderten, sind heute dank des Herzkatheters minimal-invasiv möglich.

Vom Experiment zur Routine

Was einst als gefährliches Experiment galt, ist heute ein standardisiertes Verfahren mit hoher Sicherheit. Millionen von Patientinnen und Patienten profitieren jedes Jahr davon.

Forßmann selbst konnte diesen Erfolg lange nicht vorhersehen. Nachdem seine Arbeit zunächst ignoriert wurde, kehrte er der Herzmedizin den Rücken. Erst Jahrzehnte später wurde deutlich, wie bedeutend seine Entdeckung war.

Ein Leben zwischen Mut und Widersprüchen

Neben seiner medizinischen Leistung hatte Forßmann auch eine komplexe Lebensgeschichte. Er arbeitete als Chirurg und Urologe, diente im Zweiten Weltkrieg als Sanitätsoffizier und setzte seine Karriere nach dem Krieg fort.

Sein wissenschaftlicher Beitrag bleibt jedoch unbestritten: Ohne seinen Mut wäre die moderne Herzdiagnostik kaum denkbar.

Was wir daraus lernen können

Die Geschichte von Werner Forßmann zeigt eindrucksvoll:

  • Fortschritt braucht Mut
  • Neue Ideen stoßen oft zunächst auf Widerstand
  • Wissenschaftliche Durchbrüche werden nicht immer sofort erkannt

Vor allem aber macht sie deutlich, wie wichtig Neugier und Durchhaltevermögen in der Medizin sind.

Fazit

Der Herzkatheter ist heute ein unverzichtbares Werkzeug der Kardiologie – und rettet täglich Leben. Dass dies möglich ist, verdanken wir einem jungen Arzt, der bereit war, ein großes Risiko einzugehen, um seine Idee zu beweisen.

Die Geschichte von Werner Forßmann ist damit nicht nur ein Kapitel der Medizingeschichte, sondern auch ein Beispiel dafür, wie Innovation entsteht: durch Mut, Überzeugung – und manchmal auch durch einen ungewöhnlichen Weg.

Übrigens:

Prof. Dr. Werner Forßmann war von 1958 - 1968 Chefarzt der Chirurgie am Evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf.